Pike on the Fly – Teil 3

20 11 2009

„Hechtfischen ist harte Arbeit…“

Hatten wir während unserer ersten Ausfahrten das Kanalsystem des Ferienparks unsicher gemacht und den oftmals gelangweilt anmutenden Schleppanglern mit ihren Rappell-Wobblern (ehhhh ich meine natürlich Rapala-Wobblern) den ein oder anderen schönen Hecht vor der Nase wegschnappen können, fiel unsere Wahl für die nächsten Touren auf ein anderes Gewässer. Bereits in aller Früh machten wir uns auf den etwa 30 minütigen Weg Richtung Broek op Langedijk. Bevor ich jedoch über unsere Pirsch dort berichte und darüber wie es dazu kommen konnte, dass ich beinahe in Unterhose am Motor saß und Marc ohne Schuh einen Meterhecht fing, noch ein kurzes Wort zu besagtem Boot.

Wie bereits erwähnt, hatten wir schon nach unserer ersten Tour schmerzhafte Verluste in Form der Antriebsschraube unseres Elektromotors zu verzeichnen. Als wäre dies nicht schon Aufregung genug gewesen, hätten wir am zweiten Tag dann beinahe unser ganzes Boot (samt dem neuen Ersatzteil) verloren. Dies sogar auf zwei unterschiedliche Art und Weisen. Erstens: Als ich in der Dämmerung in die Küche kam und durch die Terassentür ins Halbdunkle tappste um Temperatur und Windstärke zu begutachten, staunte ich nicht schlecht. Marc und Ralf brausten gerade in Schlafanzügen in Ralfs Boot davon.  Erste Spekulationen, dass die beiden vielleicht Brötchen holen oder sich nur sportlich in den Tag stürzen wollten, wurden mit einem zweiten Blick in Richtung unseres Ankerplatzes im Keim erstickt: Marcs Boot war weg! Wilde Spekulationen, dass entweder verbitterte Spinnfischer unser Boot entführt haben könnten oder sich unser fahrbarer Untersatz unfreiwillig auf einer langen Reise ohne Wiederkehr Richtung Osteuropa befand, wurden zum Glück recht schnell verworfen. Der Sturm in der Nacht hatte das Seil mit dem das Boot am Steg befestigt war offenbar gelöst und die Nussschale auf Wanderschaft geschickt. Da ich das Boot am Abend zuvor vertaut hatte, hatte ich natürlich ein schlechtes Gewissen. Ich sah mich schon den  provokanten Sticheleien der anderen für den Rest des Tages ausgesetzt, da durfte ich zu meiner Erleichterung feststellen, dass besagtes Seil noch an seinem angedachten Platz, nämlich am Steg, befestigt war. Glück für mich, jemand anders (nämlich derjenige der den Knoten im Boot „verbrochen“ hatte) durfte den Spott ernten😉

Ganz ohne Spott kam aber auch ich an diesem Morgen nicht davon und damit wären wir beim Zweitens: Nachdem Marc und Ralf das hilfslos dahin treibende Boot gefunden und wir das gute Stück auf den Hänger verladen hatten, konnte es endlich los gehen. Wir kamen jedoch nur ein paar Meter voran, denn ein erster Kontrollblick in den Rückspiegel ließ etwas Wichtiges vermissen, unser Boot (nebst Anhänger). Offenbar war ich während der Montage des Anhängers mit meinen Gedanken schon bei den Hechten, denn Hänger und Boot hatten sich bereits nach ein paar Reifenumdrehungen verabschiedet und standen alleingelassen mitten auf der Straße. Jetzt hatte auch ich mir einige stichelnde Bemerkungen verdient. Gleiches Recht für alle…

Letztendlich kamen wir aber ALLE vollständig und unbeschadet an der ramponierten Bootsrampe in der kleine Gemeinde der Provinz Nordholland an. Die Gemeinde Langedijk ist rund um das sogenannte „Reich der Tausend Inseln“ aufgebaut und besteht aus fünf kleinen Gartenbau-Dörfern. Zwischen diesen Dörfern erstrecken sich unzählige Kanäle sowie mehrere Seen als landschaftlich einladende Teile eines Naturschutzgebietes. Aufgrund der für Schleppangler engen Wasserwege versprachen wir uns einen geringeren Befischungsdruck und zahlreiche Unterstände für Hechte unter Bootshäusern und Stegen sowie an den Schilfkanten der kleineren Seen. Unsere erste Ausfahrt durch das Kanalsystem verlief relativ unspektakulär: Bereits nach kurzer Zeit konnte ich die Attacke eines Entenschnabels auf meinen schwarzen Streamer verbuchen, seinen Angriff aber nicht verwerten. In der Folge konnte wir einige nicht ganz uninteressierte Hechte beobachten, sie aber nicht dazu verleiten einen kurzen Abstecher in unser Boot zu machen. Auffällig war, dass sich die Standplätze der Räuber ähnelten. Beinahe alle Hechte die wir zu Gesicht bekamen hielten sich in den schmalen und durch Kleinfische dicht besiedelten Wasserwegen auf. Zusätzlich stellten wir fest, dass insbesondere Bootshäuser deren Holzverkleidungen bis beinahe an die Wasserkante reichten gerne von Hechten bewohnt wurden.

Wir suchten fortan also nach vergleichbaren Stellen in dem fast undurchschaubaren Wasserlabyrinth. An einem dieser Bootshäuser machte ich dann erneut Kontakt mit einem Esox. Ich warf meinen an diesem Tag und bis zu diesem Zeitpunkt weitestgehend unbeachteten Streamer etwa 12 Meter an die Kante eines Bootshauses, ließ ihn kurz absinken und begann ihn langsam auf mich zu zu strippen. Das einen Kleinfisch imitierende Etwas aus Bucktail und Flash hatte gerade erst 2 Meter hinter sich gebracht, da tauchte in seinem Rückspiegel ein am Bootshaus auf Beute lauernder Räuber auf. Ich erhöhte aufgeregt die Geschwindigkeit. Der hungrige Verfolger tat das Gleiche und hielt den Abstand zu seiner hilflosen Beute konstant bei etwa einem Meter. Ich erinnerte mich an den ersten Tag und die Szene, als ich den Hecht auf dem kürzesten Weg am Boot vorbei und zum Heck gelenkt hatte. Diesmal wollte ich es anders machen. Ich entschied mich dafür den langen Weg zu wählen, also am Bug des Bootes vorbei und dann ums Boot herum zum hinteren Teil. Erneut die letzten Zentimeter meiner Reichweite vor Augen erhöhte ich noch einmal die Geschwindigkeit. In aller letzter Sekunde macht der Stoßräuber seinem Namen alle Ehre und griff endlich an. Marc, der am Motor genau über dem Schauspiel stand, schrie „Anschlagen“. Ich schlug an und für etwa 2 Sekunden war meine Rute so wie sie sein soll – krumm. Leider konnte ich den Haken aber nicht richtig setzen und so verabschiedete sich der Hecht mit einem breiten Grinsen zurück in seinen Unterstand. Wir hatten also weiterhin zwei Schneider an Bord.

Nach einer stärkenden Suppe (die sich dank der genialen Idee des Steuermanns elegant aus dem Boot zu pinkeln in großen Teilen vom Gaskocher in den Innenraum des Bootes verabschiedete und unserer Schnur für den Rest des Tages eine Fett-Pflege bescherte) konnten wir endlich die ersten zählbaren Erfolge verzeichnen: Wir navigierten unser Boot in eine schmale Sackgasse an einem Bootshaus vorbei. Der Abstand zwischen mir und dem aussichtsreichen Hechtstandplatz war nur unbedeutend größer als die Länge meiner Rute. Ich konnte genau beobachten wie mein Streamer an der Unterkante des Bootshauses entlang tänzelte, da schnellte aus dem Dunkeln ein Hecht empor. Total erschrocken riss ich meine Rute hoch und spürte den Widerstand des Angreifers. Nach einem kurzen Drill auf engstem Raum konnte ich endlich den ersten Gast des Tages an Bord begrüßen! Die Freude über den langersehnten Kurzzeitbesucher war so groß, dass der Ausschank des Kapitäns diesmal besonders spendabel ausfiel.

(Entschneidert #1 – Ein Bootshausbewohner beim Landgang)

Anschließend machten wir uns auf den Rückweg zur Rampe, nicht jedoch ohne vorher noch einen kurzen Zwischenstop an genau dem Bootshaus zu machen, an dem ich vormittags einen schönen Hecht verpasst hatte. Wie einige Stunden zuvor warf ich erneut an die Kante zwischen Steg und Haus, in der Hoffnung, dass der Hecht an seinen alten Standplatz zurückgekehrt war. Leider vergebens. Marc hingegen bot seinen Streamer ein paar Meter weiter an einem Seerosenfeld auf der gegenüberliegenden Seite der kleinen Bucht an. Bereits sein zweiter Wurf brachte den lang ersehnten Biss und die Gewissheit, an diesem Tag nicht ohne einen Hecht in den Händen gehalten zu haben ins Bett gehen zu müssen. Es stimmt: Manchmal – oder besser: oftmals – ist Hechtfischen harte Arbeit!

(Entschneidert #2 – Der Hecht vom Vormittag?!)

Letzter Tag: Auf unserer zweiten Tour durch die Wasserstraßen von Broek op Langedijk sollte ich nun im Heck des Bootes das Ruder bzw. die Motoren in die Hand nehmen. Meine Rolle als Kapitän stand jedoch unter keinem guten Stern, denn wie auch am Tag zuvor gab es zunächst erste Hürden zu überwinden: Vor der Abfahrt am Ferienhaus hatte ich noch daran gedacht nachzuschauen, ob Wathose und Watschuhe ordnungsgemäß im Kofferraum verstaut waren, dann jedoch (tragischerweise) vergessen. Am Wasser angekommen und voller Vorfreude auf den letzten Tag unseres Trips, musste ich dann feststellen, dass die Bekleidung die mich bis dahin zuverlässig vor dem über weite Strecken anhaltenden Regen geschützt hatte, nicht da war. Nun stand ich da ich armer Tor…in langer Unterhose und mit Sportschuhen. Marc konnte sich natürlich einen bissigen Kommentar nicht verkneifen, musste aber im selben Augenblick ernüchtend feststellen, dass er seine Gummistiefel vergessen hatte und nur in Hausschuhen unterwegs war. Tja, das hat man dann davon…Letztendlich musste Ralf für unsere Schusseligkeit herhalten: Marc bekam seine Sportschuhe und ich seine Jeans. Bekleidet wie Spontan-Angelausflügler starteten wir in unsere letzte Hechtpirsch.

Zwar hatte ich zuvor schonmal im Ferienpark am Steuer gesessen, die Navigation durch die hier kleineren Kanäle gestaltete sich aber als weitaus schwieriger. Erst jetzt stellte ich fest, welch Geschick und Routine Marc zuvor bewiesen hatte – Lenken und Werfen gleichzeitig. Um es auf den Punkt zu bringen: viel gefischt habe ich am letzten Tag nicht, dafür habe ich als Kapitän aber nicht gänzlich versagt, denn Marcs Wunsch nach etlichen Stunden ohne nennenswerten Kontakt mit einem Hecht – „Jetzt bring mich dahin wo Fische sind“ – konnte ich voll und ganz erfüllen. Nachdem wir an einem Bootshaus  (es gehört übrigens einer Dame die sich dort in den letzten Jahren wiederholt in Unterwäsche gezeigt hatte) einen kleineren Esox verpasst hatten, steuerte ich gezielt eine einladende Bucht am Eingang des Naturschutzgebietes an. Wir hatten gerade geankert und ich zu meiner Rute gegriffen um auch noch einmal zu fischen, da war Marcs Rute mehr als krumm. Ich schaute etwa 3 Meter vor unserem Boot in die Tiefe und traute meinen Augen kaum. Nach einer kurzen  und heftigen Flucht in Richtung Schilf drillte Marc einen Baumstamm in Richtung Oberfläche. Nein, es war kein Baumstamm, es war ein Hecht. Ein Hecht mit einem Umfang den ich bis dahin noch nicht gesehen hatte. Der Räuber wand sich am Ende des Hardmonos hin und her, den Streamer in seinem Mundwinkel und seine Kiemen weit aufgestellt. Mit offenem Mund nahm ich den großen Meerforellenkescher und bereits beim ersten Versuch konnten wir den Riesen sicher landen und gemeinsam an Bord hiefen. Wir waren aus dem Häuschen. Der Hecht maß über einen Meter und wir schätzten ihn auf über 8 kg! Obwohl Marc schon größere Hechte mit der Fliege gefangen hatte, hatte dieses Weibchen den größten Bauchumfang. Es sah aus, als hätte sich die alte Dame zum Frühstück zwei Enten gegönnt. Gerade wollte sich Marc mit seinem Prachtfang im Arm für ein kurzes Fotoshooting in Szene setzen, da verabschiedete sich der Fisch mit einem Sprung ins Wasser und hinterließ zwei verdutzte, aber überglückliche Fliegenfischer und ein Boot voller Hechtschleim. Schade ums Foto, aber das Bild wie der Hecht das erste Mal an die Oberfläche kam werde ich nicht so schnell vergessen.

Nach diesem Erlebnis konnte es nicht mehr besser werden. Marc fing zwar noch einen Hecht, aber unsere Gedanken kreisten in den nächsten Stunden des öfteren um die dicke Hechtdame und die kleine Bucht die sie bewohnte.

(Schade – Gerne hätten wir seine Mutter zum Fotoshooting da behalten)

Mit einem Schneider für den Kapitän im Heck und einem Meterhecht für Marc im Bug endete also unser letzter Ausflug durch die verzweigten Kanäle Nordhollands. Ein wenig wehmütig verluden wir am Abend unser Boot und verbrachten ein letztes Essen gemeinsam mit Joseph, Hubert und Ralf, denen es in den letzten Tagen sicher ähnlich ergangen ist wie uns: viel Wasser das es zu befahren, viel Wind den es zu durchwerfen und viel Regen den es auszuhalten galt. Die Bekanntschaft die wir dabei mit einigen formschönen Hechten machen durften ist natürlich auch nicht zu verachten😉.

Im Rückblick auf diese erholsamen aber auch anstrengenden Tage bleibt dann doch weit mehr als die knappe Zusammenfassung „Ein Boot – zwei Männer – elf Hechte…“


Fortsetzung folgt… Pike on The Fly – Teil 4


Vorschau:

  • Informationen über die Gewässer
  • Informationen über das Ferienhaus
  • Informationen über die Fischereilizenz
  • Rückblick auf den erfolgreichsten Streamer



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2 responses

25 11 2009
Pike on the Fly – Teil 4 « Flybei – A Flyfishing Blog

[…] den letzten zwei Tagen (Pike on the Fly Teil 3) waren wir dann in Langedijk. Das Dorf liegt etwa 25 km westlich vom Bungalowpark und ist über […]

25 09 2010
Marc

In Erwartung auf unseren nächsten Trip nach Holland,
bin ich nochmal über deinen Artikel gestolpert und ich fühlte mich gleich wieder ans Wasser versetzt.
Mal sehen ob du dieses Jahr eine bessere Figur als Kapitän machst und du auch am Steuer einen Hecht landen kannst.
Wie du schon in deinem Artikel „Truite et Brochet“ geschrieben hast,werde ich dich nicht alleine durch die Gewässer fahren.

Gruß vom Belgier

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