Im Dunkeln ist gut munkeln

14 10 2010

Am vergangenen Wochenende war ich für einen halben Tag zu Gast in Monschau, um in diesem Jahr ein letztes Mal mit Marc gemeinsam die Rur zu befischen. Mein belgischer Freund musste am Vormittag arbeiten und so machten wir uns bei strahlendem Sonnenschein erst kurz nach Mittag auf in Richtung Eifel. Im Touristenmagnet ca. 35 km südlich von Aachen angekommen, mussten wir in der örtlichen Bäckerei zunächst jedoch mit scharrenden Hufen (zumindest ich für meinen Teil) warten: Unmengen süßer und herzhafter Leckereien sowie gewagte Kombinationen aus beiden Geschmacksrichtungen, zu meiner Verwunderung wurde scheinbar vollkommen selbstverständlich ein Croissant mit Thunfisch bestellt UND auch noch verkauft, wanderten über die Ladentheke. Dann waren wir endlich an der Reihe. Zumindest hatten wir – während die zwei jungen Großfamilien die halbe Auslage leergeräumt hatten – Zeit genug, um uns auf die letzten geschmacklichen Highlights der Aktionswoche „Oktoberfest“ (@ Oebel: ist das nicht schon längst vorbei?) zu freuen: Zwei Weißwürste mit süßem Senf aus Monschau und einer Laugenbrezel zum Aktionspreis von 1,99 Euro. Fast Geschenkt!

Während unsere bayrischen Spezialitäten im Naturdarm erwärmt wurden, füllte die schüchterne und zugleich freundliche Bäckereifachverkäuferin unsere Erlaubnisscheine aus. Ich fühlte mich ein wenig geschmeichelt, denn ihr Kugelschreiber huschte über den gelben Wisch, ohne dass sie meinen blauen Jahresfischereischein auch nur eines Blickes würdigte. Auch Marc musste schmunzeln. Ich war wohl in diesem Jahr zu oft hier gewesen…

Ohne das süßliche Erzeugnis aus der örtlichen Senfmühle auf meinen Autositzen zu verteilen, erreichten wir wenig später einen Parkplatz kurz unterhalb der Stadt. Hier wartete Nino auf uns, der bereits am Vormittag den unteren Teil der Strecke befischt hatte. Zu unserem Erstaunen hatte er dabei 5 oder 6 andere Fliegenfischer gesehen. Nicht viel mehr hatte ich das ganze Jahr über zu Gesicht bekommen. Aber irgendwo ist es ja auch klar: Die Schonzeit rückt unaufhaltsam näher und als Gelegenheitsfischer sind einem der verregnete Saisonstart, die 4 Tage im Urlaub trotz Gemecker der Frau und die zwei Abende im Sommer, an dem die Forellen auf alles gestiegen sind außer der eigenen Fliege, dann doch zu wenig😉

Apropos „Gelegenheitsfischer“. Eine der ersten Dinge die ich von Marc über das Fliegenfischen oder genauer über „Fliegenfischer“ gelernt habe ist – natürlich verstanden mit einem Augenzwinkern: Überlegst Du hinter jemandem her zu fischen, finde zunächst heraus woher er kommt 😉

Nunja, wie erklärt sich dieser merkürdige Ratschlag? Ganz einfach:

  • Ist es ein Deutscher? Kein Problem! Die achten mehr aufs Werfen als aufs Fischen.
  • Ist es ein Holländer? Abwarten! Einige können fischen, aber nicht alle.
  • Ist es ein Franzose oder sogar ein Belgier? Vergiss es! Sachen packen und woanders fischen gehen.

Ein prüfender Blick nach rechts und links verriet: Die geparkten Autos neben dem meinen hatten jeweils ein niederländische Kennzeichen. Also? Abwarten! Während wir in unsere Wathosen kletterten und unsere Ruten montierten kamen auch schon die beiden fliegenfischenden Besitzer, um eine kurze Mittagspause zu machen. Während der eine noch fischte, kamen wir mit dem freundlichen Hutträger ins Gespräch. Er und sein Begleiter waren schon des öfteren an der Rur gewesen, aber heute müsse man die Fische regelrecht suchen. Wir plauderten noch etwas über das Hechtfischen in Holland und verabschiedeten uns dann ins Wasser, um Fische zu suchen. Es war das erste Mal, dass wir zu dritt fischten. Marc die eine Flussseite, Nino und ich die andere.

Die ersten Flossenträger fanden wir sehr schnell: Bereits beim ersten Wurf schnappte sich eine Bachforelle meine Nymphe und auch in den Minuten danach, wurde mein Bachflohkrebs und Marcs Moutarde nicht verschmäht. Nino konnte hingegen auf seine Trockenfliege ein paar Bisse verzeichnen. Wir fischten einige hundert Meter stromaufwärts, bis die beiden Holländer kurz vor uns ins Wasser stiegen. Wir legten ein gutes Stück zu Fuß durch die Stadt zurück und kletterten über eine versteckte und brüchige Steintreppe zurück in den Fluss. Gebückt schlichen wir am Ufer entlang, denn an dieser Stelle hatte sowohl Nino als auch ich vor gar nicht allzu langer Zeit eine stattliche und fast schwarze Bachforelle gefangen. Marc fischte den linken Zug, ich die Flussmitte und Nino den rechten Rand an einer Steinmauer. Ich hatte Glück – und doch Pech: Aus der harten Strömung löste sich eine große Rotgetupfte, stieg und schnappte aggressiv nach meiner großen Sedge aus hellem Rehhaar und braunem CDC. Leider blieb sie nach meinem – vielleicht zu langsamen – Heben der Rutenspitze jedoch Gewinner im Duell Fisch vs. Fischer und verschwand zurück ins Dunkle ihres Elements.

Das Fischen zu dritt nebeneinander (Ufer-Mitte-Ufer) gestaltete sich als nicht ganz einfach und derjenige, der auch nur ein paar Schritte zurück blieb, konnte weit weniger Bisse verzeichnen. Daher gönnte ich meiner Fliege eine Pause und versuchte Nino ein paar hilfreiche Tips zum Fischen mit der Trockenfliege zu geben. Er verlängerte sein Vorfach ein gutes Stück, setzte höhere Stoppunkte und behielt die Rutenspitze am gestreckten Arm nach der Präsentation ein wenig höher. Auf diese Weise konnte seine Fliege länger abdriften und es war kaum Flugschnur auf dem Wasser, die von der starken Strömung hätte erfasst werden können. Prompt fing er den ersten schönen Fische und bedankte sich mit einer erfrischende Apfelschorle. Nach dem nächsten Fisch erwähnte er die Schokolade in seinem Rucksack…eine angenehme Art und Weise sich zu verpflegen😉

Wir fischten durch die gesamte Innenstadt und als es anfing zu dämmern, erreichten wir das große Wehr oberhalb der letzten Fußgängerbrücke. Weil wir noch keine der größeren Fische gefangen hatten, entschieden wir, auf dem Rückweg noch kurz Halt an einer „sicheren Stelle“ zu machen. Obwohl die beiden Holländer hier bereits ihre Muster präsentiert hatten und wahrscheinlich auch die anderen Fliegenfischer hier vorbei gekommen waren, wollte ich es unbedingt versuchen – immerhin waren es ja keine Franzosen oder sogar Belgier😉

In den letzten Wochen hatten Marc und ich aus dem tiefen, langen Zug hinter einer schnelleren Passage, an der sich das Wasser zwischen zwei Steinen hindurchdrückt, immer eine schöne Bach- oder Regenbogenforelle zaubern können. Wir verlängerten unser Vorfach und montierten schwere Nymphen, obwohl der Wasserdruck an diesem Tag nicht mehr ganz so stark war wie noch bei unseren letzten Besuchen. Wir „schleuderten“ unsere Tungstenmuster stromauf und ließen sie an der kurzen Leine über den felsigen Grund auf uns zu rollen. Nichts. Marc verlor seine Fliege bei einem gewagten Wurf unter einen Strauch am Ufer und beendete die Forellensaison 2010 nach einem schönen letzten Tag an der Rur mit den knappen Worten: So, Feierabend. Da ich noch nicht wusste, ob dies mein letzter Tag werden würde, gab ich mich nicht so leicht geschlagen und rief meinem belgischen Freund, der auf dem Marktplatz zusammen mit Nino bei den beiden Holländern (die bei einem Bierchen saßen) warten wollte, hinterher, dass ich ihm ein Foto von einer Regenbogenforelle mitbringen würde.

Es wurde von Minute zu Minute dunkler und die hellen, gelben Scheinwerfer an der nahen Kirche sprangen mit einem lauten Knarren an. Ich tauschte Nymphe gegen Streamer und ging vorsichtig einige Meter am Flussufer entlang zu jener Stelle, an der sich das Wasser mit großer Geschwindigkeit in den Pool ergießt. Ich warf meinen schweren Woolley Bugger quer über die Strömung stromab, ließ ihn abtauchen, rumtreiben und strippte die schließlich gestrecke Leine auf mich zu. Jeden Wurf ging ich drei Schritte Richtung Brücke und wiederholte die Präsentation. Bis zur Brücke, dann ist Schluss! Ich war auf halbem Weg. Es war nur kurze Zeit vergangen, aber mittlerweile dunkel und das Wasser fast schwarz. Ein bekanntes Gefühl machte sich breit: wie bei einem spannenden Kinofilm – man sitzt da und wartet, dass es passiert…Man weiß nicht wann, aber man weiß, dass es passieren muss, gleich, sonst ist das Gefühl weg. Da! Da, passiert es. Aus dem Nichts passiert es. Der überraschende und zugleich ersehnte Ruck in der Leine. Der Anschlag saß und der Rabatz ging los. Es dauerte einige Minuten und einige Fluchten bis ich die Forelle kurz unterhalb der Brücke landen konnte. Ein Vater stand mit seiner Tochter auf dem Arm an der Brüstung über mir. Die Kleine rief runter: Was ist das für ein Fisch? Ich lachte und antwortete: Eine Regenbogenforelle! Der Blitz meiner Kamera huschte kurz an der Häuserwand entlang. Dann war es wieder dunkel und ich ging mit einem breiten Grinsen zu Marc und Nino.

Bild 1 & 2: Im Dunkeln ist gut munkeln

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Nachtrag: Woolley Bugger

Falls ich mal einen Streamer nutze, ist es meistens ein Woolley Bugger (ganz ganz selten mal ein Zonker oder ein Flash). Ich binde immer unterschiedliche Varianten: Entweder mit Marabou und einer Hennenhechel oder aber sowohl Schwänzchen als auch Rippung aus „Chickabou“ (sieht trocken komisch aus, entwickelt nass aber ein sehr schönes Spiel). Für den Körper verwende ich entweder Ice Dubbing oder normales Hasenohr. In den Schwanz binde ich noch 2 oder 4 Flash-Fäden und sichere den Körper zusätzlich mit Kupferdraht. Der Kopf ist je nach Lust und Laune fluo orange oder geld – pink nur wenn ich gut drauf bin😉 In der Größe des Hakens variiere ich zwischen 10 und 6 und auch die zusätzlich Beschwerung durch Blei passe ich an das Gewässer an.

Bild 3: Davon habe ich immer welche im Auto


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9 responses

14 10 2010
esflyfishing

Hi Alex,
mal wieder ein sehr schöner Bericht. War der Wolly Bugger schwarz? Mit solchen hatte ich nämlich auch schon Erfolg in der Nacht.
Dunkle Muster sind in der Nacht top, da sie sich gegen den hellen Himmel gut absetzen.

Gruß enrico

14 10 2010
Alex

Hi Enrico,

nein, er war grizzly mit einem fluo gelben Tungstenkopf. Anstatt einer Hennenchel und Marabou habe ich „Chickabou“ verwendet. Für den Körper verwende ich meistens Ice Dubbing. Ich kann mal ein Bild einstellen.

Gruß Alex

14 10 2010
Alex

So Bild ist angefügt.

Gruß
Alex

14 10 2010
Jörg

Hi Alex,
tolle Geschichte, besonders gut hat mir der Ratschlag Deines Freundes Marc gefallen. Den werd ich mir merken und beherzigen.

Viele Grüße
Jörg

14 10 2010
Alex

Hallo Jörg,

aber bitte das Augenzwinkern nicht vergessen😉

Gruß
Alex

14 10 2010
esflyfishing

Ok, die sind auch nicht schlecht .
Von „Chickabou“ hab ich noch nie was gehört, scheint aber fängig zu sein;-)

Gruß enrico

14 10 2010
15 10 2010
Marc

Hallo Alex,
wenn du jetzt noch mein Nummernschild bekannt gibst ,steh demnächst ohne Reifen da.
Ich bleibe zwar bei meiner Aussage,aber manche von ihnen sind lernfähig.Wenn ich deine Entwicklung von April 2009,als wir uns kennengelernt haben,so ansehe,mache ich mir so langsam Sorgen um die Bachforellen in Monschau.
Ich finde es sehr schade,das so manscher Kurs in Deutschland beim Werfen aufhört und so mancher Fliegenfischer durch Mißerfolg das Fliegenfischen aufgibt.Fliegenwerfen ist schön aber Fische fangen ist schöner!
Gruß vom Belgier

15 10 2010
Alex

Hi Marc,

deinen Eindruck von den Kursen kann ich ja z.T. bestätigen – es gibt natürlich auch Ausnahmen. Es ist eben etwas anderes eine schöne Schlaufe 15 Meter in der Luft zu halten oder aber ein Gewässer lesen zu können und die richtigen Stellen anzufischen.

Kennen wir uns jetzt schon so lange? Krass…wie die Zeit verfliegt😉 Ich weiß nicht, wo ich jetzt ohne deine vielen Tipps, Anleitungen und Hilfestellungen stehen würde…Wahrscheinlich an der Rur und würde meine gekaufte Nymphe am sinkenden Polyleader stromab treiben lassen in der Hoffnung, dass was hängen bleibt😉

Hast heute am letzten Tag der Saison übrigens nicht viel verpasst.

Gruß
Alex

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