Rückblick Österreich – Teil XII: Mittersill Tag 5

15 12 2010

Ihr kennt das Gefühl: Ein Tag auf der Arbeit kann sich lang ziehen wie Kaugummi zwischen der eigenen Schuhsohle und dem heißen Asphalt. Ein zwei wöchiger Urlaub hingegen vergeht „wie im Flug“, oder noch schlimmer „wie ein Wimpernschlag“ und eh man sich versieht, steht man schon wieder mit dem Auto im Stau auf der Heimreise. Dabei war man doch eigentlich gerade erst angekommen, hatte gerade erst begonnen den Alltagsstress hinter sich zu lassen, hatte sich gerade erst an die zu kurzen Hotelbetten gewöhnt… So oder so ähnlich erging es auch Anna und mir in unserem diesjährigen Österreichurlaub. Viel zu schnell klopfte der letzte Tag mit all seinen uns offen stehenden Möglichkeiten an unsere Zimmertür. Aufstehen, raus aus den Federn! rief er uns zu. Wir folgten seinem Ruf.

Nachdem uns das launische und zumeist verregnete Wetter zuvor schon einmal einen Strich durch unsere Rechnung bzw. unseren Ausflug zur Krimmler Ache gemacht hatte, standen die Vorzeichen am Morgen unseres letzten Tages im Bräurup deutlich besser: Ein Blick aus dem Fenster auf die noch verschlafenen Straßen Mittersills ließ uns in Windeseile zum Frühstücksbuffet und wenig später zum hoteleigenen Fischershop eilen – der Himmel war klar. Da außerdem keine Pfützen im Licht der frühen Sonne unter den eben erst erloschenen Laternen glitzerten, musste die Nacht trocken geblieben sein. Vielleicht auch an der Krimmler Ache!? Nach einem kurzen, mir aber sehr lang vorkommenden Telefonat zwischen Hotelmitarbeiter und Taxifahrerin hatten wir Gewissheit und bekamen grünes Licht: Der Fluss oberhalb der Krimmler Wasserfälle war nur minimal angetrübt und für den Tagesverlauf waren keine weiteren Regenfälle gemeldet.

Nur 45 Minuten später traten wir zum zweiten Mal innerhalb von drei Tagen die kurvenreiche Fahrt hinauf zum Plateau der Krimmler Ache an. Mit uns an Bord des Bergtaxis: drei plappernde Spanier, zwei stille Briten (samt Guide) sowie unsere freundliche Chaffeurin. Da eine Stunde nach uns noch eine zweite Busbesatzung hinauf kommen sollte, wurde unterwegs bereits der mäandernde Verlauf des Wiesenflusses „aufgeteilt“. In feinstem Österreichisch wurden wir gefragt Wo wollst denn fischn? – als Markierungen in der Landschaft dienten hierbei Hütten, Stallungen und Höfe. Da wir keine Vorlieben hatten, wie auch auch, wir kannten den Fluss ja noch gar nicht, „erhielten“ wir am Ende einen etwa 2 km langen Abschnitt oberhalb der Romantik Alm. Der Name klang zumindest schonmal gut😉 Vor uns fischten die Spanier, noch weiter flussaufwärts die beiden Briten und in Richtung der Wasserfälle sollten die später eintreffenden Nachrücker ihr Glück versuchen. Nachdem noch ein Treffpunkt für den späten Nachmittag vereinbart wurde, durften wir uns endlich – alleine – der idyllischen Bergkulisse widmen.

Die Landschaft um uns herum wirkte wie von einem zum „Kitsch“ veranlagten Künstler auf die Leinwand gezaubert: Hohe Ketten aus massivem Gestein, dunkle Tannenwälder zu ihren Füßen, saftig grüne Wiesen und seelig grasende Kühe, die mit ihren um den Hals hängenden Glocken die natürliche Musik der gleichmäßig rauschenden Krimmler Ache untermalten.

Bilder 1 & 2: Eine perfekte Kulisse

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Die Krimmler Ache hier oben hatte wenig Gefälle und schlängelte sich gemütlich in großen und breiten Schlingen stromabwärts in Richtung der tosenden Wasserfälle. Perfekte Bedingungen für Anna: Eine mittelschnell Strömung, ein gleichmäßiger Untergrund aus feinem Kies und wenig hinderlicher Uferbewuchs.

Gemeinsam fischten wir stromauf. Zunächst probierte ich es mit kleinen Köcherfliegen, dann mit filigranen Eintagsfliegen. Alle Muster fanden jedoch ihren Weg über die Wasseroberfläche unbehellig zu mir zurück, obwohl ich mir sicher war hier muss Fisch stehen. Als wir zum wiederholten Male bemerkten, dass große schwarze Fliegen ans uns vorbeitrieben, wechselte ich auf das Imitat einer Weißdornfliege. Diese Fliege hatte ich noch von einem Ausflug nach Ostvoorne im Mai in meiner Dose. Üblicherweise schlüpft sie wesentlicher früher im Jahr, aber ein Versuch konnte ja nicht schaden. Ich warf die gleiche Stelle wie zuvor an und unmittelbar nach dem sanften Aufsetzen der „Bibio“ nahm ein Saibling das jahreszeitlich fehlplatzierte Muster.

Bild 3: Saibling aus der Krimmler Ache

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Zufall? Eher nicht! Denn auch die kommenden aussichtsreichen Stellen passierten wir nicht, ohne mit Hilfe der schwarzen Weißdornfliege eine helle Bach- oder Regenbogenforelle zum Vorschein zu bringen. Während ich das rechte Ufer systematisch befischte, arbeitete Anna sich Stück für Stück am linken Ufer stromaufwärts. Beide durften wir in unterhaltender Regelmäßigkeit beobachten, wie die Salmoniden aus dem Nichts auftauchten, um entweder die lebenden Exemplare oder aber unsere Immitationen sanft in die Tiefe zu schlürfen. Teilweise war der Insekten-Verkehr auf Wasserobefläche so dicht, dass sich die Fische durch ihr regelmäßiges Steigverhalten „verrieten“ und wir sie gezielt anwerfen konnten. Eine schöne Abwechslung gegenüber der abtastenden Pocket-Fischerei im tosenden Gebirgsbach der Vortage. Auch die Einladung der teilweise breiten Krimmler Ache zu weiten Würfen, Mendings und diversen Trickwürfen nahm ich gerne an. Meine Gespließte – die bisher am Wasser selten Weiten jenseits der 10m meistern musste – bewältigte aber auch diese Anforderungen mit Bravour. Mein Dank noch einmal an Edgar Lange für dieses hölzerne Allroundtalent!

Bild 4: 7.3 Fuß in Aktion

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Während Anna mit der schnellen Taurach noch so Ihre kleinen Probleme gehabt hatte und die überaus aktive Fischerei der kurzen Würfe anfangs noch nicht automatisiert von der (Ruten- und Schnur-)Hand ging, schien sie sich hier oben weit wohler zu fühlen. Die teilweise sanft auslaufenden Kiesufer gestalteten das Waten angenehm und so konnte sie sich entspannt auf den Rhythmus ihres Wurfs und die Präsentation der eigenen Fliege konzentrieren. Eine Stelle der Krimmer Ache zog sie dabei für einige Zeit in den Bann. Anna gab ihr den treffenden Namen „Karussel-Buffet“. Hier teilte sich der Fluss  kurzzeitig und bildete in der Mitte seines Bettes eine schmale und längliche Insel aus weißen Steinen. Hinter der Insel fanden die beiden Arme wieder zusammen und es enstand eine sehr große Kehrströmung. Auf diesem „Karussel“ tanzten unzählige Insekten einen gemächlich kreisenden Walzer und einige faule Forellen saßen am reich gedeckten „Buffet“ und stiegen nach Belieben um sich die schuppigen Bäuche voll zu schlagen. Eine Forelle nach der anderen fand ihren Weg zu Annas schwarzem Beitrag auf dem Speiseplan, in ihren Kescher, ihre Hände und wieder zurück ins nass-kühle Element. Werfen – Anschlagen – Drillen – Keschern: alles lief hier wie am Flugschnürchen. Fast zu einfach😉

Bild 5: Das Karussel-Buffet

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Ganz anders schien es den Spaniern ergangen zu sein, denn sie kamen flussabwärts gewandert, schauten uns eine Weile zu und stiegen anschließend nur 30m oberhalb von uns ins Wasser ein. Aber auch hier wollte es für sie nicht so recht laufen bzw. schwimmen, denn obwohl zu dritt, konnten wir nur selten beobachten, dass sie sich ihre Ruten für kurze Zeit krümmten. Den selektiven Appetit der Fische konnten sie offenbar nicht durch ein passendes Muster stillen. Dem einen Leid – dem andern Freud: Wir fischten hinter ihnen her und mussten irgendwann unsere zerzausten Fliegen gegen neue, unbeschadete Exemplare austauschen. Ansonsten hätte man sie am heimischen Bindestock nicht mehr retten können. Interessant dabei war jedoch, dass nur eine meiner beiden Imitationen der Weißdornfliege überschwänglich mit offen Flossen empfangen wurde. Faszinierend, wie kleinste Unterschiede in der Größe oftmals einen gewaltigen Unterschied aus Sicht des Fisches ausmachen können.

Viel zu schnell verstrich die Zeit am Wasser und irgendwann erspähten wir in der Ferne den roten Bulli den staubigen Schotterweg entlangrollen. Mit einem leicht wehmütigen Blick über die Schulter kletterten wir in die Enge unseres Bergtaxis. Die Spanier saßen schon drin – sie hatten schon einige Zeit vor uns das Fischen eingestellt und waren in Richtung Tal verschwunden. Auf der kurvigen Rückfahrt waren die Drei weit weniger gesprächig. Hinter ihnen saßen wie am Morgen die Briten, erneut mit stiller Miene. Ich sank in die Tiefe meines durchgesessenen Sitzes, machte eine ernüchternde Bestandsaufnahme meiner durch den langen Urlaub gebeutelten Fliegendosen und ließ den ereignisreichen Tag vor meinen Augen Revue passieren. Mit Sicherheit eines der schönsten Gewässer die wir befischten hatten. Der einzige kleine Wehrmutstropfen: die 17 Euro pro Person für die Anfahrt hinauf aufs Plateau der Krimmler Ache.

Auf dem Parkplatz des Hotels traf ich den ersten Deutschen während unserers Aufenthalts im Bräurup. Wie wir besuchte auch er das erste Mal die zahlreichen Gewässer in Mittersills Umgebung. Er hatte am Vortag die Krimmler Ache besucht und fragte mich in einem Dialekt der ihn als Sachse identifizierte: Hattest Du zum Glück auch eine Weißdornfliege dabei? Lachend nickte ich. Der letzte Ausflug unseres Urlaubs lag hinter uns.

Nach dem Abendessen – Hirschgulasch mit Rotkohl für mich, Käsespätzle für Anna – horchten wir noch einige Stunden in unsere Kissen, bis wir uns in der Nacht still, aber nicht heimlich (ohne unsere Zeche zu prellen) aus unserer Unterkunft schlichen: rein ins Auto, rauf auf die Bahn und ab Richtung Norden. Es war an der Zeit ein erstes Fazit und einen vorsichtigen Vergleich zwischen den zwei gänzlich unterschiedlichen Wochen unseres Urlaubs zu ziehen. Ich könnte nun allerlei Gründe für oder gegen eines der beiden Urlaubsziele finden. Dies spare ich mir aber noch für einen letzten Beitrag über unsere zwei Wochen in Österreich😉

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Die anderen Tage in Mittersill:

Teil 8: Mittersill Tag 1

Teil 9: Mittersill Tag 2

Teil 10: Mittersill Tag 3

Teil 11: Mittersill Tag 4



Impressionen von der Krimmler Ache :


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2 responses

18 12 2010
Frank

Dass ich mich besonders für Anna freue, versteht sich wohl von selbst?

Ansonsten: Danke für diesen mal wieder sehr lesenswerten Bericht!

Euer Frank

21 12 2010
Anna

Hey Frank, danke dir! Ich hab mich auch gefreut: über eine zweistellige Anzahl kleine bis mittelgroße Erfolgserlebnisse – leider immernoch dreimal weniger als mein Guide (der Wettkampf kann aber bald beginnen) – und einen ziemlich dicken Schocker hinter einem steilen Felsen, der dann beruhigenderweise ohne mich wieder in die Tiefe geflüchtet ist …

Gruß
Anna

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