Bleistift vs. Besenstiel

13 12 2013

von Alex

Kennt Ihr das? Ihr fischt das halbe Jahr primär mit der leichten 5er oder 4er Rute am Fluss und geht dann auf die erste Hechtpirsch? Oder andersrum: Ihr stellt im Spätherbst regelmäßig den Hechten nach und habt dann doch noch einmal die Möglichkeit auf Winter-Äschen zu fischen? Nicht nur, dass die Gewässer und Techniken nicht vergleichbar sind. Nein, zu allererst sind es schon vor dem ersten Wurf die Ruten, an denen man große Unterschiede bemerkt. Zumindest ging es mir vor ein paar Tagen wieder so.

Nach fast 30 Ausflügen an Seen und Kanäle in den Niederlanden zog es mich aufgrund des strahlenden Sonnenscheins und eines interessanten Wasserstandes noch einmal für ein paar morgendliche Stunden an den Fluss. Aber nicht nur, weil die Bedingungen passend zu sein schienen machte ich mich auf den Weg in die kalte Eifel. Vorallem, weil ich endlich meine „neue alte“ Guideline LeCie in Klasse 3 testen wollte. Ich hatte das skandinavische Leichtgewicht mit 10ft. vor ein paar Wochen glücklicherweise von einem Bekannten erwerben können, bisher aber leider keine passende Gelegenheit gefunden, das nicht mehr produzierte Stöckchen intensiv auf seine Praxistauglichkeit hin zu untersuchen.

Und dann stand ich da. Bei -2 Grad, die gerade aufgegangene Sonne im Nacken, den knirschenden Bodenfrost unter den Watschuhen und mit diesem fast vergessenen Gefühl: Wie geil filigran kann Fliegenfischen eigentlich sein?! Natürlich waren es auch die spärliche 16er Nymphe und das feine Tippet, welche dieses Gefühl bereits beim Montieren mit den steifen Fingern in ein Lächeln auf meinem Gesicht verwandelten. Aber insbesondere die neue Rute war es, die mich stark an einen Bleistift oder einen Zauberstab in meiner Hand erinnerte. Und dabei ist meine neue Kombi für die Jagd auf Entenschnäbel schon sehr leicht gewählt und wesentlich sensibler, als noch das Besenstiel-Gespann aus Rute und Rolle zuvor. Und dennoch: Die 3er Rute in der Rechten ist doch etwas ganz, ganz, ganz anderes als eine 8er!

Leider verpufft dieser „aha-Effekt“ nach nur wenigen Minuten wieder, denn dann hat man sich an das federleichte Etwas schon gewöhnt. Und als wäre das nicht genug, fühlte ich mich beim Nymphenfischen seltsamerweise schnell wieder an den jährlichen Saisonstart erinnert. Denn nach nur einer Stunde merkte ich meine Schulter, wo ich doch bereits nach den ersten Ausflügen im März den ganzen Tag mühelos und ohne Pause mit erhobenem Arm fischen kann. Der menschliche Körper vergisst schnell (lernt zum Glück aber auch schnell wieder hinzu). Jeder Neuling beim Fliegenfischen und jeder, der mit diesen speziellen Techniken beim Trocken- oder Nymphenfischen zum ersten Mal in Berührung kommt, weiß wovon ich hier spreche😉

Aber zurück zur Rute: Ich war begeistert! Noch einen Tick feinfühliger als meine 10 ft. Klasse 4 und gleichzeitig ebenwürdig beim Transport beschwerter Nymphen – selbst zwei gleichzeitig gefischte Tungstenköpfe mit 3,5mm und 3mm waren auf die kurzen Distanzen kein Problem! An den ruhigeren Passagen präsentierte die 3er hingegen ohne Mühen eine kleine Klinkhammer am Springer mit einer 14er oder 16er Nymphe am Point (auch hier Tungstenköpfe). Und abgesehen davon, war ich insbesondere von den Drilleigenschaften des langen Leichtgewichts fasziniert, verlor ich doch nur eine der Äschen nach dem sanften Take und dem Setzen des Hakens. Ich behaupte, dass es mit leichten Ruten gerade bei der Fischerei mit der Nymphe und beim Einsatz feiner Vorfächer wesentlich weniger Aussteiger gibt als beispielsweise mit einer sogenannten „Allround-Rute“. Achwas, das brauche ich gar nicht zu behaupten, ich denke, dass die meisten von Euch dies als gut begründete Feststellung so unterschreiben würden🙂

Mein Tipp daher für alle die noch nach dem passenden Tackle für nächste Saison suchen: Möchtet ihr gezielt mit der Nymphe an der kurzen Leine Fischen? Holt Euch eine leichte, mindestens 9,6 ft. lange Rute (Midflex schlägt hier Tipflex) in Klasse 3 oder 4! Lasst Eure 5er oder gar 6er Rute getrost zu Hause und erlebt eine unvergleichlich feinfühligere Fischerei am Fluss. Und keine Angst, Reserven haben auch diese Geräte „en masse“, so dass Salmoniden ü50 bei weitem keine unlösbare Aufgabe darstellen. Die größte Bachforelle in der letzten Saison an meiner Fario maß 58cm und ich hatte zu keiner Zeit das Gefühl, sie nicht schnell und sicher ausdrillen zu können. Habt Vertrauen in Eure Rute, an ihr wird es mit Sicherheit nicht scheitern.

Apropos (ja, dieser Übergang liest sich jetzt vielleicht thematisch nicht ganz passend): Nach dem überraschenden Bruch des Handteils meiner 8er LPXe RS V2 habe ich innerhalb von nur wenigen Tagen ein neues Teil aus dem Hause Guideline bekommen. Da eine Rute normalerweise niemals an dieser Stelle brechen darf, wurde mir der Austausch nicht einmal in Rechnung gestellt. Natürlich gehört hier neben einer kundenfreundlichen Garantiepolitik auch ein kommunikativer Händler dazu. Mein Dank geht daher nicht nur nach Schweden, sondern zunächst nach Bedburg-Hau am Niederrhein und nach Peine für die schnelle und reibungslose Abwicklung. Ohne diesen vorbildlichen Service hätte ich die schönen Hechte der letzten Tage vermutlich nicht gefangen!

Ja, schön waren sie wirklich. Insbesondere zwei Exemplare ü80 cm, die ich wieder mit einem beschwerten Streamer im Barsch-Look verführen konnte. Wird Zeit, dass ich mich wieder mit Bucktail in weiß, grün und orange eindecke, denn der ein oder andere 6/0 und 4/0 Haken hat schon wieder meinen Bindestock verlassen. Dabei war ich doch gerade erst shoppen bzw. habe meine Weihnachts-Wunschliste abgehakt. Was drauf stand? Einiges! Dazu aber in einem späteren Beitrag mehr😉

Die farbenfrohen Fotos dieser Galerie verdanke ich Max von Troutstalking.


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3 responses

13 12 2013
SvenOstermann

Hallo Alex,

danke für den schönen Artikel!

Leichte Ruten und schwere Fische vertragen sich ganz gut😉

Ich hatte mal das Glück mit einer von Michael Mauri geliehenen #2 von Loomis eine 60er Regenbogen drillen zu dürfen und zwar im Tiefenbach bei Polling. Die Rute hat das locker mitgemacht, obwohl ich den Fisch hart rangenommen habe. Das musste sein, denn ich stand im Anzug mit Sonntagsschuhen auf einem aufgeweichten Uferfleckchen und dieses drohte geinsam mit mir abzusaufen. Ich kam nämlich gerade von einem IT-Kongress und ich hatte Michi versprochen, ihn auf dem Rückweg einen Besuch in seiner damaligen Fischzucht abzustatten. Da war fürs umziehen natürlich keine Gelegenheit.

Aber zurück zum Thema: Leichte Ruten und schwere Fische; das klappt besser als die meisten glauben mögen. DIe neue Tenkarahysterie zeigt das ebenfalls sehr eindrucksvoll. Einzig feine Vorfachspitzen – zu feine – machen hier eher Probleme und sind mMn. auch abzulehnen. Ich persönlich habe ärgste Gewissensbisse, wenn es dünner als 0,12mm wird, daher habe ich gar kein dünneres Vorfachmaterial in meiner Weste.

Insofern kann ich deine Argumentation in Bezug auf leichte Ruten nur unterstützen. Wegen der Rutenlänge, auch an kleinen Gewässern, vertreten wir sowieso die gleiche Meinung. Hier sind uns die Franzosen im Vorteil, denn dort fischt man schon sehr lange mit sehr feinen bis 11 Fuß langen Ruten in leichter Version mit der Nymphe auf die Schuppenträger.

Weiterhin viel Spaß bei der leichten Fischerei.

13 12 2013
Alex

Hallo Sven,

vielen Dank für Dein unterstützendes Feedback und die schöne Anekdote vom Wasser🙂

Hinsichtlich des Vorfachs bzw . Tippets kann ich mich Dir nur anschliessen. Allerdings spielt neben der Frage des zu erwartenden Zielfisches immer auch die Gewässerstruktur eine gewichtige Rolle. Im Pocket-Water haben Bachforellen bei niedrigem oder normalem/mittlerem Wasserstand nicht viele Möglichkeiten das Tippet (ausser direkt beim Take) zu beanspruchen. Federt die Rute diesen kritischen Punkt gut ab, kann eigentlich nichts mehr schieflaufen. Große Fluchten sind zumeist nicht zu erwarten, zumal ich meist nicht alleine Fischen gehe und ein aufmerksamer Begleiter am Kescher Gold wert ist. Meine grösste Forelle im letzten Jahr war so schnell im Netz, die wusste gar nicht wie ihr geschieht. Es ist nicht immer erforderlich (und schon gar nicht vorteilhaft) einen grossen Fisch komplett „auszudrillen“. Bei erhöhtem Wasserstand sieht das im Pocket-Water auch schon wieder ganz anders aus, da kommt dann neben mehr Fluchtwegen für den Fisch auch der hohe Wasserdruck als Gefahrenquelle hinzu. Wo ich also z.B. am einen Tag auf den gleichen Fisch ein 6x oder 7x tippet fische, nehme ich am anderen Tag ein 5x oder 4x. Das hängt natürlich auch mit den verwendeten Trockenfliegen und Nymphen zusammen. Bei klassischen Mittelgebirgsflüssen sieht es dann nochmal anders aus, wobei da auch der Wasserstand immer einer der relevantesten Aspekte (neben Zielfisch) ist.

Viele Grüsse und hoffentlich bis bald (am Wasser)
Alex

4 02 2014
Von magischen Äschen | FLY.BEI - We are haunted by waters.

[…] einem meiner letzten Beiträge habe ich von der winterlichen Fischerei auf Äschen berichtet. Wobei winterlich hier in 2013/14 lediglich meint, dass ich kalte Füße und eine rote […]

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